Djent| Progressive Metal

Meshuggah – Koloss

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„Klassenherhalt. Mehr nicht.“

meshuggah-kolossIch hätte nicht gedacht, dass es jemals passieren könnte, aber Meshuggah enttäuschen (mich) auf diesem Album. Ich habe lange auf ein neues Machwerk der Schweden seit fast unglaublichen vier Jahren gewartet und praktisch die Tage zur Veröffentlichung gezählt.

Der erste Höreindruck war geradezu vernichtend. Nichts, aber auch gar nichts Neues haben die Jungs um Freddy Thordendal zu erzählen. Selbstverständlich sind sie weiterhin absolute Meister ihres Fachs, verfügen über große technische Fähigkeiten, Rhytmusgefühl und „Musicianship“.

Auch ihre – ja, musikhistorischen – Errungenschaften möchte ich an dieser Stelle nochmals betonen. Der Werdegang von einer leicht hörbar metallica-beeinflussten Thrashband zu Pionieren im Bereich Polyrhythmik, des Flirts zwischen Metal und (modernem) Jazz (meinetwegen Scott Henderson / Simon Phillips 90er Zeug) und natürlich Wegbereiter der achtsaitigen Klampfe ist beeindruckend und gebietet Leuten wie mir, die bei 90bpm im Zweifel keine sauberen 16tel Spielen können, natürlich das ewige Schweigen.

Kurzum: musikalisch kann man den Jungs nicht an den Karren fahren. Als „nur“ Hörer und „Konsument“ allerdings schon.

Denn „Koloss“ ist in der Tat kolossal langweilig. Da ist von „monolithisch“ die Rede, ich empfinde aber nichts als Monotonie.

Nachdem sich die bisherigen Alben von Meshuggah immer wenigstens in Nuancen voneinander unterschieden haben, ist Koloss Stagnation auf hohem Niveau und bietet eine solide Melange aus Chaossphere (was leider nur die Soli angeht), Nothing (das insgesamt eher behäbige Tempo) und Obzen (was die Beliebigkeit der Stücke außer seinerzeit „Bleed“ angeht).

Nach rund zehn Durchläufen kommen wir zu folgenden Einzelbewertungen:

Das Quasi-Titelstück und Opener „I Am Colussus“ kriecht langsam und monoton aus der Box, könnte ein Song sein, der es nicht auf Nothing geschafft hat, arbeitet sich an mehr oder weniger einem Riff ab und kann im letzten Drittel vielleicht noch mit einem „Wal-Gesang“ Solo aufwarten, was den komplett misslungenen Einstieg nicht rettet.

Titel Nummer zwei, „The Demons Name Is Surveillance“, ist offenbar der erhoffte „Bleed“ Nachfolger, sehr schnelle, fast durchgehende Doublebass, hektisches Chaossphere Solo, was hart an der Grenze zum Zitat ist. Öde.

„Do Not Look Down“ ist etwas flotter, akzentuiertes Riffing, aber langweilig. Es dauert rund 3.5 Minuten bis was passiert: in Form von getragenen Harmony-Leads. Ab da ganz gut, die Leads kommen zum Fade-Out nochmal aber ansonsten wie mitm Kopp vor die Wand bollern.

„Behind The Sun“ startet langsamer mit Clean-Gitarren, oha, da horcht man gerne auf. Dann setzten relativ entspannt, aber groovig riffende Zerrklampfen ein, die von ätherischen Gitarrenflächen umspült werden. So muss man das heute machen! Der erste gute Song auf diesem Album!

Zu „The Hurt That Finds You First“ fällt mir nur eins ein: der Thrasher auf dem Album. Nett, wenn nicht bereits „Combustion“ vom Vorgänger genauso geklungen hätte. Allerdings wird der Song durch seinen Breakdown im Mittelteil mit geilen Harmony-Gitarren und einem gefühlvollen Solo deutlich aufgewertet. Sehr gelungen: der Song scheint sich peu a peu in Luft aufzulösen.

„Marrow“ started treibend im Wechsel mit etwas abgebremsteren Riffs. Der Song ist völlig beliebig und hat erneut ein chaossphere-style Solo. Meh.

„Break Those Bones…“ ist ein langsamer Groover mit hypnotischen Lead-In Gitarren, anfangs eher Standardkost, gefällt im weiteren Verlauf durch verschachteltes, toolhaftes „Tribaldrumming“ und einer gelungenen Flanger-Leadgitarre. Erinnert irgendwie an Korn.

„Swarm“ gibt sich in Sachen Riffs geradezu verschwenderisch. Es knattert am Anfang los wie bei „I“, dann ein flotteres Riff im Wechsel und dann, man glaubt es kaum, das dritte Riff nach nicht mal 1:30. Und noch eins. Chaossphere-Solo zum Abgang.

„Demiurge“ startet mit einer kurzen Soundscape, bevor es in alter Manier weitergeht. Eher flott, hier und da ein paar Farbtupfer von der Leadgitarre, lässt mich aber eher kalt. Es fehlt insgesamt einfach die Abwechslung. Bei ca. 3:15 setzen kurz Keyboardflächen ein, die aber wieder verschwinden. Warum spielt man die raren Ideen nicht einfach mal länger aus? Am Ende säuselt noch etwas die Fläche vor sich hin. Danke.

Ja und zum Abgang gibt’s mit „The Last Vigil“ wie so oft am Ende noch „das ungewöhnliche Stück“, namentlich an wahlweise Townsend oder die jungen Emporkömmlinge erinnernde Cleangitarren und federleichte Eso-Keyboardflächen. Zum Runterkommen. Wäre nicht schlecht gewesen, eine solche Fläche mal in einen der Songs zu integrieren, als es so spröde hinterher zuschieben. Der Track ist ja ganz nett, aber DAS bekomme ich dann doch auch noch hin. Und so außerhalb eines Kontextes trägt sich das Geklimper einfach nicht selbst.

So. Genug genörgelt.

Meshuggah waren jahrelang nicht einzuholen, was ihre Musikalität und Durchschlagskraft angeht. Jede Band, die sich auch nur ansatzweise in die Nähe wagte, wurde mit Hohn überschüttet, so etwa Mnemic (häufiger Vorwurf: Meshuggah / Fear Factory Abklatsch).

In den letzten vier Jahren sind jedoch etliche junge Musiker „nachgewachsen“, die unter der Flagge „Djent“ (lautmalerisch für das Geräusch, was beim Anschlag der tiefen Gitarrensaite mit einem Plektrum entsteht, a.k.a. „choppen“ oder „palm muting“) zwar stark meshuggah-beeinflusste Musik abliefern, ihren Kompositionen angereichert um häufig elektronische Komponenten weitaus mehr Atmosphäre und Tiefe verleihen, als die Meister selbst.

Nicht alles ist in dem Bereich super, aber neuere Combos und Künstler wie Uneven Structure (Februus), Animals As Leaders (!), Absent Distance oder Sarah Longfield und Greg Bolomey (aka „Axe of Creation“) – beide zu sehen auf einem bekannten Videoportal liefern deutlich interessantere, dynamischere Kompositionen ab, als die Altmeister. Diese wirken hier nämlich schlichtweg lustlos.

Gut ist auf diesem Album wie immer der Gitarrensound, den Meshuggah in diesem Bereich natürlich auch unumstößlich und nachhaltig geprägt haben. Schlecht an der Platte ist insgesamt der komplett nölige, nervige und völlig austauschbare Gesang. Die Songs wirken abgesehen von einigen Momenten eher beliebig und zudem fehlen auch ein echter „Hit“ und jegliche Atmosphäre.

Der Drumsound ist pappig, vor allem die Snare. Die Bassdrum ist mittig und drucklos und musste sicherlich in diesen Frequenzbereich geschoben werden, da eine tiefere BD „unten“ mit den runtergestimmten (!) Achtsaitern alles dichtgemumpft hätte.

Fazit:

Kurzum: musikalisch kann man den Jungs nicht an den Karren fahren. Als „nur“ Hörer und „Konsument“ allerdings schon. Denn „Koloss“ ist in der Tat kolossal langweilig. Da ist von „monolithisch“ die Rede, ich empfinde aber nichts als Monotonie. Wohl bekomms. Ich werde mich aber nunmehr mit deutlich interessanteren Releases in diesem Rekordfrühjahr (Cannibal Corpse, Napalm Death, Soulfly, Borknagar, Caliban, Fear Factory und Running Wild, hahah!) beschäftigen und nebenbei meinen Miles Davis Backkatalog updaten.

bewertungstacho_07_von_15

  1. I Am Colossus
  2. The Demon’s Name Is Surveillance
  3.  Do Not Look Down
  4.  Behind The Sun
  5.  The Hurt That Finds You First
  6.  Marrow
  7.  Break Those Bones Whose Sinews Gave It Motion
  8.  Swarm
  9.  Demiurge
  10.  The Last Vigil

 

Artverwandt: Uneven Structure, Periphery, Animals As Leaders, Tesseract, Textures

Plattenfirma: Nuclear Blast

Im Netz: http://www.meshuggah.net/

Meshuggah hören:  YouTube, MySpace

Weitere Reviews zur Platte: metal.de (+), metalnews (+), laut.de

Über Markus Ihmor

RA Markus Ihmor, LL.M.

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