Aufklärung oder Verklärung – ein Flyer unter die Lupe genommen

Musikindustrie fordert: Urheberrecht gehört in den Religionsunterricht

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Legal, sicher und fair – ein Leitfaden zum „richtigen“ Umgang mit digitalen Inhalten aus dem Internet.  Wer die Autoren dieses Schmuckstücks sind, ist dem Flyer leider nicht zu entnehmen. Scheinbar hat der Bundesverband Musikindustrie e.V. hierbei seine Finger im Spiel.

bibelDer Flyer hat sich zur Aufgabe gemacht, Lehrer, Eltern und Schüler über die Gefahren des Internets aufzuklären.

Zunächst wird darauf hingewiesen, dass das Urheberrecht für das Einkommen der Kreativen sorgt. Ich bin bisher immer davon ausgegangen, dass die jeweiligen Werke der Urheber die Grundlage des Einkommens sind.

Dem Unkundigen wird klar gemacht, dass die Kreativen nur dann fair entlohnt werden, wenn deren Werke legal aus dem Internet heruntergeladen werden. Dass dies noch lange nicht zu einer fairen Entlohnung führt, wird leider verschwiegen. Von den Knebelverträgen vieler Rechteverwerter und den geringen prozentualen Beteiligungen der Urheber am Verkaufserlös wird nicht berichtet. Der Künstler und Urheber war in den meisten Fällen schon immer die ärmste Sau, auch in den Hochzeiten der CD-Verkäufe.

Das Urheberrecht sorge auch dafür, dass der Musikmarkt mit so vielen hochwertigen „Werken“ überschwemmt wird. Darüber kann man streiten.

Achtung, wer Filesharing betreibt, müsse mit gravierenden Strafen rechnen – die Staatsanwaltschaften haben schon ihre Messer gewetzt. Filesharing sei mit Ladendiebstahl gleichzusetzen. Ich weiß nicht, wann eine Staatsanwaltschaft sich wirklich das letzte Mal mit einem Filesharing-Fall auseinandergesetzt hat. Dieser Flyer erinnert in dieser Hinsicht in vielen Punkten an die gängigen Abmahnungen, welche massenhaft durch die Content-Industrie in Auftrag gegeben worden sind. Aufklärung findet nicht statt, man setzt lieber auf das alte Mittel der Abschreckung. Dass dies in den meisten Fällen nicht besonders fruchtbar ist, hat die Vergangenheit gezeigt.

Nach aufmerksamem Studium des Flyers, könnte man fast zu der Überzeugung kommen, dass die Hauptintention des Flyers scheinbar eine ganz andere ist. Eigentlich will man den unbedarften Internet-Nutzer nur vor den Gefahren des Internets warnen. Die Nutzung von Tauschbörsen ist quasi zwangsläufig mit Viren, Abzockfallen, Missbrauch von Kreditkarten und Kontodaten (Phishing) sowie schweren Straftaten bis hin zu Kinderpornografie verbunden. Die Content-Industrie scheint sich ernsthaft um das Wohl unserer Kinder zu sorgen.

Zu der aktuellen Diskussion über die Legalität der Nutzung von Streaming-Diensten wird auch gleich Stellung bezogen. Immerhin wird darauf verwiesen, dass dies rechtlich umstritten, eine Nutzung von „Mitschnitt-Diensten“ aber unfair ist. Auch hier wird wieder vor den oben genannten Gefahren (Viren, Abofallen, etc.) gewarnt. Wenn die Rechtslage nicht eindeutig zu Gunsten der eigenen Interessen ist, einfach vor den vielen anderen bösen Gefahren des Internets warnen. Wenn Strafe schon nicht abschreckt, dann vielleicht die Gefahren, die in den dunklen Winkeln des Internets lauern. Wer das tatsächlich glaubt, lebt hinterm Mond.

Man solle sich vor allem vor Seiten und Portalen in Acht nehmen, die die Domain-Endung „.to“ oder Namensbestandteile wie „Pirat“ haben. Wenn die Piratenpartei bei den nächsten Wahlen kein Erfolg hat, wissen wir wer dafür verantwortlich ist.

Und wo soll sich der interessierte Internet-Nutzer über die Gefahren des illegalen Filesharings informieren, natürlich bei den Internetdiensteanbietern. Die Telekom, Vodafone, 1&1, O2, etc. haben sicherlich schon Informationszentren eingerichtet. Wahrscheinlich wird den Providern demnächst staatlich oktroyiert, jeden Kunden vor Vertragsabschluss ausführlich über die Gefahren des Internets aufzuklären.

Den Eltern wird verklickert, dass sie pauschal ohne wenn und aber für ihre Kinder haften würden (Sippenhaft). Dass hier einige Ausnahmen existieren, wird wieder einmal unter den Teppich gekehrt.

Lehrern wird der Tipp gegeben, sich ausführlich mit ihren Schülern über die Thematik zu unterhalten. Das Wissen zum Urheberrecht sollen sie sich aus dem Internet zusammensuchen. Dann können wir den Studiengang Pädagogik demnächst abschaffen und den Beamtenstatus für Lehrer noch gleich dazu. So kann der Staat in mauen Zeiten viel Geld sparen. Zukünftig benötigt man nur noch einen Internetanschluss, um die Voraussetzungen für die Zulassung zur Lehrerschaft zu erfüllen. Das Wissen ist ja im Internet verteilt.

Es kommt noch besser. Es wird nicht die Schaffung eines neuen Unterrichtsfaches wie bspw.  Medienerziehung gefordert, was durchaus zu begrüßen wäre, sondern das Thema Urheberrecht soll gleich in sechs verschiedenen Fächern – Sozialkunde, Wirtschaftslehre, Lebenskunde, Musik, Informatik und RELIGION behandelt werden. Ich sehe schon den Schweiß auf der Stirn vieler Religionslehrer glitzern.

Fazit:

Schuster bleib bei deinen Leisten.

Über Tobias Röttger

Beruf: Rechtsanwalt für Urheber-, Medien- und Persönlichkeitsrecht | Leidenschaften: Musik, Design, Foto, Reisen und Natur

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