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Tobias Röttger
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Tobias Röttger

Rechtsanwalt Urheber- und Medienrecht bei gulden röttger | rechtsanwälte
Blogger, YouTuber, Rechtsanwalt und Gesellschafter von gulden röttger | rechtsanwälte. Meine Steckenpferde sind das Geistige Eigentum, Social Media, Persönlichkeitsrechte, Internet und Musik.
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Im Oktober 2011 meldete das belgische Electro/Industrial-Online-Magazine Side Line, dass die vier Majorlabels (Universal, Warner, EMI, Sony) den Plan hätten, den Vertrieb von CDs im letzten Quartal 2012 einzustellen. Zukünftig sollten die Alben der Majors nur noch als Download und bei großen Künstlern in geringer Stückzahl als hochpreisige Special-Edition erhältlich sein.

rock_vs_popDie Gerüchte wurden von den vier Majors bis zum heutigen Tage weder bestätigt noch ausdrücklich dementiert. Das Jammern der Majors über zurückgegangene CD-Verkäufe war nicht zu überhören. Hauptverursacher der Krise war natürlich das böse Filesharervolk. Der Abmahn-Tsunami überflutete im Anschluss das Land.

In den ganzen Diskussionen wurde fast nie die Frage aufgeworfen, ob das Problem nicht auch bei der Qualität, der Masse und der Stilrichtung der zum Kauf angebotenen Musik liegt.

Es ist definitiv auszuschließen, dass die Schuld für den Rückgang der CD-Käufe bei einer gesellschaftlichen Schicht zu suchen ist. Filesharing wird von allen Gesellschaftsgruppen betrieben. Wir vertreten in Filesharingverfahren Hartz IV Empfänger, Handwerker, Lehrer, Beamte, Anwälte bis hin zu Leuten aus der Vorstandsebene von Wirtschaftsunternehmen, deren Jahresgehälter im sechsstelligen Bereich liegen.

Pop-Hörer sind keine Musikliebhaber

Ich stell mal die gewagte These auf, dass es sich bei dem durchschnittlichen Pop-Hörer nicht um einen Musikliebhaber handelt. Eine Umfrage der Musikzeitschrift Rock Hard hat ergeben, dass die Musiklabels, die sich auf Rock und Metal spezialisiert haben, zwar auch leichte Einbußen zu beklagen haben, aber im Großen und Ganzen von der Downloadproblematik nicht betroffen sind. Rock und Metal Fans wollen ein wertiges Produkt, sie wollen einen physischen Tonträger, der liebevoll aufgemacht ist. Hierfür geben sie auch ihr Geld aus.

Die Popindustrie bekommt das, was sie verdient

Monatlich wird der Musikmarkt mit durchschnittlicher Musik, die qualitativ minderwertig aufgemacht und verpackt wird, überflutet. Eine „Castingsensation“ folgt der nächsten. Ist die Castingsendung beendet, interessiert sich kein Schwein mehr für den „Künstler“. Das ist auch kein Wunder, wenn die Kandidaten, die noch ein bisschen Singen können, frühzeitig rausfliegen. Es interessiert nur noch die Schicksalsstory hinter dem Kandidaten. Die ärmste Sau, hat die besten Chancen. Dass sich hinterher niemand das Gejaule auf CD anhören möchte, verwundet nicht.

Die Musik ist unwichtig, nur das Image zählt

Selbst die „großen“ Popkünstler haben kaum noch eine Chance, wenn sie „nur“ Musik machen. Einer Lady Gaga, die tatsächlich eine Musikerin im eigentlichen Sinne ist, wurde erst dann zugehört, nach dem sie sich nackt ans Klavier setzte und mit einem Fleischkleid schockte. Dem durchschnittlichen Pophörer interessiert nur das Image und nicht die Musik. Warum sollte er dann auch Geld für eine CD oder einen Download ausgeben, wenn er es so einfach – juristisch unkorrekt ausgedrückt – aus dem Internet klauen kann.

Für Qualität wird auch gezahlt

Bands aus dem Rock und Metalbereich haben bewiesen, dass sie auch dann Geld verdienen können, wenn sie vorab ihr Album umsonst zum Download anbieten. Die Industrial Rock Band Nine Inch Nails geht seit einigen Jahren sehr erfolgreich diesen Weg. Auch Radiohead ist dieses Wagnis mit ihrem vorletzten Album „Rainbows“ eingegangen und hat es nicht bereut. Wenn man dem Musikliebhaber ein wertiges Produkt anbietet, gibt er dafür auch sein sauer verdientes Geld aus. Die auf meistens 2.000 Einheiten limitierten Special Editions von Porcupine Tree und Steven Wilson, die zwischen 70,00 und 100,00 EUR kosten, sind regelmäßig in kürzester Zeit ausverkauft. Hier bekommt der Fan aber auch einen 5.1 Surround Mix (Steven Wilson wurde dieses Jahr für seine Surround Sound Arbeiten für einen Grammy nominiert) und ein künstlerisches Fotoband zu der jeweiligen Platte von ungefähr 100 Seiten.

Bands und Künstler aus den Musikrichtungen Jazz, Klassik, Independent und Alternative gehören auch nicht zu den typischen Filesharingopfer.

Qualität setzt sich durch und für Qualität wird auch Geld ausgegeben

Ich will nicht in Abrede stellen, dass Filesharing Schaden anrichtet, jedoch sollten sich die Majors auch die Frage stellen, ob mit den Massenabmahnungen tatsächlich das Problem der schlechten Verkaufszahlen bekämpft werden kann. Vielleicht sollte man den mühsamen Weg gehen und dem potenziellen Käufer mehr Qualität anbieten.

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