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Fachanwalt für Urheber- und Medienrecht bei gulden röttger | rechtsanwälte
...befasst sich mit den Entwicklungen der künstlichen Intelligenz und fragt sich, ob es eine Superintelligenz geben wird.
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Aus dem Geben und Nehmen zwischen Journalisten, Verlagen, Künstlern und Kunsthäusern ist ein hartes Geschäft geworden – der Ton zwischen den Akteuren wird immer ruppiger

Internetabmahnungen scheinen ein profitables Geschäft geworden zu sein. Wurden bislang meist ahnungslose Nutzer des World Wide Web abgemahnt, scheint das Thema auch weitere Kreise zu ziehen. Die neuesten Opfer dieses Geschäftsmodells: die Künstler selbst.

Der öffentlich-rechtliche Gemeinschaftssender 3sat berichtete in einem Beitrag von Peter Schöne, einem Bariton an verschiedenen Opernhäusern Deutschlands. Vor Kurzem bekam er Post von der „Süddeutschen Zeitung“ – der Verlag verlangte 350 Euro für die Nutzung von drei Kritiken über sich auf seiner Homepage. Wesentlich „härter“ ging laut 3sat.de die Frankfurter Allgemeine Zeitung gegen den Sänger vor. Für sechs Kritiken aus den Jahren 2006 bis 2011 wollte die „FAZ“ rückwirkend 1800 Euro kassieren. Als Schöne einen Anwalt einschaltete, kam von der „FAZ“ der nächste Brief: Man habe festgestellt, dass die Artikel viel länger auf der Homepage waren. Nun wurden satte 2400 Euro fällig. Auch die Frankfurter Oper scheint es mit einer Forderung in Höhe von 7500 Euro getroffen zu haben.infodocc_logo_jb_04

„Bei dieser Gelegenheit musste ich lernen, was zitieren wirklich bedeutet“, zitiert 3sat den Bariton. Schöne hatte die Kritiken kommentarlos in seine Website eingebunden. Dies ist rein urheberrechtlich betrachtet nicht zulässig, Zwar dürfen auch Künstler durchaus aus Medien zitieren – müssen dann aber dieses Zitat verwenden, um ihre eigene Meinung zu untermauern. Das Zitat selbst darf in diesem Zusammenhang nicht alleine stehen.

Verlage und Journalisten unterschiedlicher Auffassung

Roland Gerschermann, Geschäftsführer der „FAZ“, rechtfertigte die Vorgehensweise mit der Begründung, immer mehr Nutzer im Netz würden sich mit fremden Federn schmücken. Der Verlag wolle die geistige Leistung nicht kostenlos im Internet verwertet wissen.

Auf Nachfrage des Opernsängers bei den Journalisten scheint diese Praxis bei den Urhebern selbst Bestürzung hervorzurufen. Denn seit Jahrzehnten kommen Kritiker in die Konzerte und die Künstler verwenden im Gegenzug die Kritiken. Die Journalisten, die die Zeitungsartikel verfassen, möchten auch ins Theater eingeladen werden und die Freikarten bekommen. Nun sehen die Autoren das Vertrauensverhältnis zwischen Zeitung, Kritiker und Künstler in Gefahr. Schöne musste am Ende insgesamt 1400 Euro an die Verlage zahlen.

Fazit: Die Abmahnungen gegen die Künstler sind vom Urheberrecht gedeckt und offenbaren zugleich auf beschämende Weise die kommerzielle Triebfeder der Verlage, die die Kunst in den Schatten stellt. Insoweit stellt sich die Frage, wer sich hier mit fremden Federn zu schmücken versucht.

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Kommentar

  1. Tja.

    da würde ich mir an der Frankfurter Oper überlegen, ob ich noch jemanden von der FAZ mit Freikarten versorge.

    Wenn der Vorstand der FAZ auf einmal Karten „normal“ bestellen und bezahlen muß (und dann – wie alle „normalen“ Kunden – mal keine bekommt, wie lange dauert es Ihrer Meinung nach, bis die Forderung zurückgezogen wird?

    • Hallo isi!

      Wenn der Vorstand der FAZ auf einmal Karten “normal” bestellen und bezahlen muß (und dann – wie alle “normalen” Kunden – mal keine bekommt, wie lange dauert es Ihrer Meinung nach, bis die Forderung zurückgezogen wird?

      Antwort: Wohl nicht sehr lange – oder doch?!
      as Problem besteht eben in der scheuklappenartigen Anwendung des Rechts. Rein rechtlich ist an dem Vorgehen der FAZ nichts auszusetzen, wohl aber in moralischer Hinsicht. Aber die Moral ist in großen Teilen des Netzes fehl am Platze oder gar unbekannt.

      • Hallo RA Gulden,

        >as Problem besteht eben in der scheuklappenartigen Anwendung des Rechts.
        >Rein rechtlich ist an dem Vorgehen der FAZ nichts auszusetzen, wohl aber in
        >moralischer Hinsicht. Aber die Moral ist in großen Teilen des Netzes fehl am
        >Platze oder gar unbekannt.

        Da bin ich Ihrer Meinung. Aber ist das Fehlen der Moral nicht inzwischen Standard? Übrigens nicht nur „in großen Teilen des Netzes“, sondern haupt- (und ur-)sächlich auch in Medienfirmen wie auch der FAZ?

        Wenn ein Teil der Medienwelt ein Verhalten a la Murdoch, Bild oder „Unterschichtfernsehen“ als legitimes Geschäftsmodell ansieht, muß man sich dann wirklich über ein „Fehlen der Moral“ wundern?

        Wobei ich gar nicht behaupten würde, daß die Medien angefangen haben. Das ist vielleicht noch deprimierender… 😉

  2. Wenn die FAZ auf einmal Karten normal bestellen und bezahlen muss, dann schickt sie zur nächsten Premiere keinen Kritiker mehr. Und dann geht’s los: „Warum hat die FAZ nix geschrieben?“ – „War’s so schlimm?“ „Seid ihr dermaßen auf dem absteigenden Ast, dass die FAZ nicht mehr über euch schreibt?“
    Für große Opern- und Theaterhäuser ist die Aufmerksamkeit der überregionalen Presse überlebenswichtig. Was soll denn der Intendant dem Kulturverantwortlichen der Stadt antworten, wenn der fragt: „Wir subventionieren Ihren Laden mit zig Millionen pro Jahr und die FAZ schreibt nichts? Was soll das?“ Soll dann der Intendant wirklich antworten: Wir schicken denen keine Pressekarten mehr, weil die einen unserer Sänger für 1000 Euro abgemahnt haben?
    Der Hebel, an dem die FAZ sitzt, ist sehr viel länger, als man auf Anhieb denkt.

  3. Nun ja. Es geht hier halt gerade nicht um „Verwendung der eigenen Kritiken“, sondern um Verwendung fremder Texte. Ich kann an dem Vorgehen der FAZ nichts anstößiges finden.

  4. Natürlich ist die FAZ juristisch im Recht, aber: seit es das Feuilleton gibt, ist es Usus, dass Theater mit den Kritiken der aktuellen Inszenierungen Werbung treiben. Die werden teilweise („Stadelmaier: ‚Grandios! Der beste Hamlet meines Lebens!'“) oder komplett zitiert, in Schaukästen vor dem Theater ausgehängt oder auf den Webseiten des Hauses veröffentlicht, daran hat sich noch kein Verlag gestört, warum sollte er auch, der Markt für zweitverwertungen von Theaterkritiken ist doch sehr überschaubar.
    Genauso war es bisher vollkommen üblich, dass Schauspieler/Sänger/Tänzer aus positiven Kritiken zitierten, um auf sich aufmerksam zu machen, absolut business as usual.
    Was die FAZ hier veranstaltet ist ein extrem feindseliger Akt. Auch wenn sie formal im Recht ist.

  5. Die Wahrnehmung gesetzlicher Rechte als feindlicher Akt. Interessanter Ansatz.

    Man könnte natürlich auch einfach korrekt (und in angemessenem Umfang) zitieren (was dann kostenlos wäre) oder aber, wenn man meint, den ganzen Text nutzen zu müssen, dafür die Lizenz erwerben.

    Mein Mitleid mit Oper und Sänger hält sich insofern nach wie vor in Grenzen, zumal die Künstler es doch sind, die sich derzeit von der Rechteindustrie vor den Karren spannen lassen, wenn es um die Verschärfung des Urheberrechts geht (siehe Regener oder Tatort-Autoren).

  6. Rechtlich gesehen ist die Aktion unumstritten. Moralisch will ich sie nicht beurteilen, jedoch ist das Gebaren der FAZ nicht besonders geschickt. Es führte zu einer negativen Außendarstellung, die eigenen Journalisten distanzieren sich von der Aktion und beide Parteien sind auf einander angewiesen. Es mag zwar sein, dass die FAZ am längeren Hebel sitzt, jedoch kann so eine Aktion auch eine Eigendynamik entwickeln und die FAZ sich am Ende wünschen, dass sie mit dem Künstler bzw. der Alten Oper zu einer gemeinsamen Lösung gekommen wäre.

    In diesen Fällen sollte der Anwalt nicht immer ausschließlich als Anwalt fungieren, sondern auch als PR-Berater.

  7. @code Nicht die Wahrnehmung gesetzlicher Rechte habe ich als feindseligen Akt bezeichnet, sondern das einseitige Aufkündigen eines seit über hundert Jahren bestehenden gentleman’s agreement.
    Und wie der abgemahnte Sänger den Karren der Verwertungsindustrie zieht, würde ich wirklich gern wissen.

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