Wem gehört das Internet?

Die Vertrauenswürdigkeit von Informationen im Internet geht uns alle an. Das Internet der Zukunft soll den Menschen dienen. Die Gefahren, die mit der Internetnutzung verbunden sind, sollen minimiert werden. Der Nutzen des Internet für die Menschheit soll überwiegen. Das nachfolgende Interview soll zum Nachdenken anregen. Wie sieht die Zukunft des Internets aus? Was können wir tun, damit wir auch morgen noch das Internet genießen können?

Es folgt ein kurzes Interview (Robert Schlieker mit Karsten Gulden)

Zentraler Inhalt:

  • Wem gehört das Internet
  • Brauchen wir eine Magna Charta des Internet?

Herr Gulden, wem gehört das Internet?

Eine weitere Frage. Ich versuche aber dennoch direkt zu antworten: Den Menschen. Nicht den Konzernen und auch nicht den Staaten. Das Internet bietet die Möglichkeit zur weltweiten Kommunikation in Echtzeit. Das ist eine wunderbare Errungenschaft in der menschlichen Entwicklung.

Die großen Tech-Konzerne aus Kalifornien lassen ihre schlausten Köpfe immer bessere Netzanwendungen entwickeln. Profitieren wir davon nicht alle, wenn uns Google Maps auf Grundlage unzähliger Standortdaten die schnellste Route zum Ziel errechnet?

Es wäre sicherlich falsch, die Digitalkonzerne einfach nur schlecht zu reden. Google Maps ist ein wunderbares Beispiel für den praktischen Nutzen von internetbasierten Anwendungen. Die Menschen können kostenfrei navigieren. So ganz kostenfrei ist das Ganze dann dennoch nicht, da die Menschen mit ihren Daten bezahlen. Hier gibt es sicherlich Regelungsbedarf, um einen unkontrollierten Missbrauch in der Zukunft zu verhindern.

Worin liegt das eigentliche Problem bei der Macht der Tech-Konzerne?

Das große Problem was ich sehe ist die Unkontrollierbarkeit. Aus meiner Arbeit heraus weiß ich, dass innerhalb der Konzerne oft das Wissen fehlt, wie etwas funktioniert bzw. wer eigentlich für das jeweilige Anliegen zuständig ist. Es hat eine Verselbstständigung stattgefunden. Die Gründe von Google und Facebook haben zum Zeitpunkt der Gründung sicherlich nicht daran gedacht, dass sie einmal zu Gatekeeper von Informationen werden können. Nun sind sie quasi aus Versehen zu Redakteuren der Welt geworden. Google und Facebook tragen demnach eine ungeheure Verantwortung für das Wohl und Wehe der kompletten Menschheit.

Sollten Facebook, Google und Co. also komplett entmachtet werden oder gibt es da bessere Lösungen?

Eine Entmachtung bedeutet auch immer Zwang. Es gibt auf europäischer Ebene bereits Überlegungen, Google zu zerschlagen. Ich denke allerdings nicht, dass dies der goldene Weg ist. Wir sollten einen Weg finden, bei dem alle Beteiligten profitieren.

Was verstehen Sie unter der Netzneutralität?

Netzneutralität bedeutet für mich, dass sich sowohl die Staaten als auch die Digitalkonzerne neutral verhalten. Dies gilt für allen Dingen für die Auswahl und Sichtbarkeit von Informationen.

Der WWW-Erfinder Tim Berners-Lee hat kürzlich eine „Magna Charta“ für das Web veröffentlicht. Was halten Sie von seinen Ideen?

Nur gut. Bitte mehr davon! Die Magna Charta für das Web ist in meinen Augen leider genauso gut wie auch unbekannt. Ein paar Nerds und schlaue Köpfe interessieren sich dafür bzw. haben sich dafür interessiert. Eine Änderung der Kultur im Internet kann ich jedoch nicht feststellen. Dennoch sollten wir uns nicht entmutigen lassen. Auch auf europäischer Ebene gab es bereits Überlegungen, eine Verfassung für das Internet zu schaffen. Ich kann nicht verstehen, dass dies nicht mit Nachdruck betrieben wird. Hier sind wir alle gefragt. Wir müssen aktiv werden. Wir alle müssen zu einer „Greta“ für ein vertrauenswürdiges Internet werden. Dies ist genauso wichtig wie der Umweltschutz. Möglicherweise sogar noch wichtiger. Desinformation ist gefährlicher für die Gesellschaft als jeder bekannte Virus. Die Verbreitung von falschen Informationen schürt Hass, führt zu einer vergifteten Kommunikation und letzten Endes zu Krieg und Tod.

Wie soll das politisch funktionieren, wenn schon auf nationaler Ebene so viel darüber gestritten wird, was gute Netzpolitik sein soll?

Es gibt verschiedene Möglichkeiten und Stufen, die wir betreten müssen. Beginnen müssen wir mit dem ersten Schritt. Denkbar ist beispielsweise die Vergabe von Prüfsiegeln für authentische Inhalte. Dem Nutzer muss klar sein, ob er den Inhalt genießen kann. Vergleichbar mit Produkten im Supermarkt. Dort gibt es ein Mindesthaltbarkeitsdatum. Der Käufer weiß: Das kann ich essen! Genauso muss es sich mit den Inhalten im Internet verhalten. Gutes muss ebenso deklariert werden wie Schlechtes. Dies erfordert eine Herangehensweise auf allen gesellschaftlichen Ebenen von Kindesbeinen an. Bereits im Kindesalter muss eingeübt werden, wie man sich im Internet zu verhalten hat und wie man Gutes von Schlechtem trennen kann. Daneben bedarf es natürlich allgemeinverbindlicher Normen, Gesetze, Richtlinien und Verordnungen. Diese können wir jederzeit schaffen. Wir benötigen ein Transparenzgebot für Intermediäre. In ethischer und schulischer Hinsicht muss gelehrt werden, was ein vertrauenswürdiges Internet ausmacht. Diese Inhalte müssen verpflichtend werden. Weltweit. Es muss eine Bewegung der Erkenntnis stattfinden.

Man muss sich immer fragen „cui bono“ – wem zum Vorteil. Wie ließe sich verhindern, dass in Zukunft nicht staatliche Akteure das Ruder über das Internet übernehmen?

Das Internet soll allen zum Vorteil gereichen. In erster Linie den Menschen. Aber auch die Staaten und auch die Digitalkonzerne, die ihren Beitrag leisten, sollen nicht mit leeren Händen dastehen. Es ist möglich Synergien zu schaffen, ohne dass der eine den anderen bevorteilt. Dazu sind wir Menschen. Wir haben den nötigen Verstand, um dies umzusetzen, wenn wir unser Ego hinten anstellen.

Ich bin zuversichtlich für die Zukunft, weiß aber auch, dass eine Menge Arbeit auf uns wartet.

Vielen Dank für Ihre Zeit, Herr Gulden.

Gerne, Herr Schlieker.

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Rechtsanwalt, Mediator & Konfliktberater - Leitgedanke: Achtsame Kommunikation ist der Bund menschlichen Daseins

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